#103. US-Erinnerungskultur

11-11-2021

Warum dauerte der Krieg nach offizieller Lesart für die Vereinigten Staaten genauso lange wie für die auslösenden Staaten von 1914, obwohl das neutrale Lager erst nach drei Jahren von Washington verlassen wurde?


Es wurden vier Jahre und vier Monate.


Es war nicht nur das Bild des internationalen Gedenkjahres 2018, sondern auch eine erinnerungspolitische Mahnung. Wir schreiben den 10. November 2018 in Compiègne, den französischen Gastgebern als Rethondes bekannt. Potenziell sind zum Treffen von Frau Merkel und Monsieur le Président Macron im Ort des Waffenstillstandes vor etwas mehr als hundert Jahren zwei Sachen aufgefallen. Die meisten werden sich nur an eine erinnern: das warmherzige Zusammensein der beiden. Dieses französisch-deutsche Gedenken geht als gut gelungene Versöhnungsgeste in die Geschichte hinein. Es wird weit über die ehemaligen Erbfeinden hinaus einem neuen Kapitel der historisch-politischen Bildung Europas zugutekommen.

Noch sind wir nicht so weit. Mehr als das Publikum schien die andere Sache insbesondere die Historiker und Politikwissenschaftler anzugehen. Warum fehlte England? Das mächtige Land wurde vor etwas mehr als einem Jahrhundert nicht durch Generäle oder Politiker, sondern durch Marineoffiziere im bekannten Eisenbahnwagon vertreten. Im Pariser Konferenzort überraschten Großbritannien und seine Empire-Delegation durch eine ungeheure Machtentfaltung nicht nur den Feind und Woodrow Wilson, den unentbehrlichen US-Präsidenten, sondern auch Belgien und Frankreich, das heißt die unmittelbaren Bündnispartner. An der britisch-britischen Vormachtstellung fiel dann bis zum Ende in Versailles nichts mehr auszusetzen. Genau hundert Jahre später schien niemand ernsthaft zu hinterfragen, warum die Abwesenheit von Theresa May oder dem englischen Königshaus so auszulegen war, dass  in der Erinnerungspolitik keinerlei Rolle für die Entente-Mächte vorgesehen war. Wie Merkel und Macron auf Versöhnung und europäische Solidarität abzuzielen, schien angesichts des vordergründig auftretenden Brexit-Alleingangs fehl am Platz. Sieben Monate später, zu Versailles 1919-2019, sind dann außer einer bekanntlich entscheidenden Kriegspartei alle zuhause geblieben. Die großangelegte Feier vor Ort wurde von Amerikanern veranstaltet, was das europäische Versagen, besonders das einer bald kleineren Europäischen Union, umso grotesker erscheinen ließ.

Was sollen wir im Jetzt aus dieser Geschichtsproblematik lernen? Am kommenden 11. November wird des militärischen Endes des Ersten Weltkrieges zum ersten Mal nach der Durchführung des europafeindlichen Brexits gedacht. Für viele mag wie überraschend erscheinen, dass dieses Gedenken in vielfacher Hinsicht in die postkoloniale Debatte hineinpasst. Diese macht weltweit Schlagzeilen. Wann werden wir, Schweden, Niederländer, Franzosen, Deutsche, endlich anfangen, in der neuen EU diese umstrittene Geschichte gemeinsam aufzuarbeiten? Zwar auf altüberliefert nationaler Ebene gibt die Schweiz uns gerade etwas vor. Zunächst müssen wir uns mit den Ereignissen von damals auseinandersetzen. Ein naheliegendes Beispiel lieferten Engländer und Deutsche. Entsprechend den Bedingungen des 11. Novembers entwaffnete sich die deutsche Kriegsflotte und überquerte in nordwestlicher Richtung den Nordsee. In britischen Gewässern wurden die 71 Schiffe unter dem Kommando von von Reuter interniert. In Erwartung einer Friedenskonferenz dauerte der Waffenstillstand zunächst bis zum 11. Dezember. Er wurde mit weiteren dreißig Tagen verlängert. Die Konferenz wurde unter britischem Druck auf das neue Jahr vertagt. Schauen Sie mit uns, welche ungeheure Überraschungen 1919 die Erfüllungspolitik der gerade ausgerufenen deutschen Republik nach sich zog.

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Das wunderschöne Lied „Vier Brüder“ (Volkstrauertag im Reichstag, Berlin, 14. November 2021)