Die Jahrhundertrendite des Schandvertrages
Als niederländischer Historiker mit einem ständigen Arbeitsort im französisch-deutschen Grenzgebiet besuche ich regelmäßig Buchhandlungen sowie Buchmessen in Deutschland sowie manchmal eine Buchmesse. Seit einigen Jahren könnte dem historisch interessierten Leser die sogenannten Jahreszahltitel ins Auge fallen. Meistens reicht die Jahreszahl, zum Beispiel „1923“. Sonst werden dem Titel spärliche Vokabeln als Untertitel angehängt. So erschienen mehrere Buchveröffentlichungen zum Zentenarium von 1923. In Berichten und den sozialen Netzwerken der Aufa100 wurde darauf aufmerksam gemacht. Bei uns wurde das Phänomen im Kontext der nach wie vor umstrittenen Geschichte und eines mittel- und westeuropäischen Ländervergleichs betrachtet. Interessant ist, die Hintergründe der langjährigen Reihe numerischer Titel zu hinterfragen.

1923 wird und wurde als Katastrophenjahr der deutschen Republik bezeichnet. Unter den ungewöhnlich harten Bedingungen des drei bis vier Jahre alten Vertrags und „Bundes von Versailles“ hungerten große Teile der geschrumpften Bevölkerung Deutschlands. Die Ursachen der zusätzlichen Hyperinflation ab 1922 sind auf das Diktat aus der Feder der etablierten Demokratien Europas zurückzuführen. Durch Verweigerung der Ratifizierung aufgrund der Senatsbeschlüsse vom 19. November 1919 und 19. März 1920 verabschiedeten sich die Vereinigten Staaten davon. Nicht anders als die diktierten, entmachteten bzw. entmündigten Gegenparteien mussten sich, immerhin zehn Jahre nach dem Ausbruch des Großen Krieges, die Gesellschaften Englands und Frankreichs mit der ungeheuren Frage auseinandersetzen, wie diese Zivilisationskrise zu bewältigen wäre. Allerdings führt das in der Gegenwart nicht dazu, dass zwischen den drei Staaten ein gewisser Ausgleich in populären Geschichtsbüchern mit dem numerischen Merkmal und chronologischer Folge zu verzeichnen ist. Deutschlands liegt vorn.
Der deutsche Buchhandel macht ein florierendes Geschäft. Aufgrund der unterschiedlichen Beobachtungen im Dreieck von London, Paris und Berlin könnte argumentiert werden, dass dies, nicht wie fälschlicherweise gedacht den Verwicklungen der Deutschen Republik, sondern dem Friedensdiktat und seinen schier unerfüllbaren Bedingungen zu verdanken ist. In den Gedenkjahren 2018 und 2019, als in Deutschland der beiden Revolutionen gedacht wurden, fiel dem späteren Gründer der Aufa100 auf, dass nicht im Geringsten über die innenpolitischen Entwicklungen Weimar hinausgeschaut wurde.(1) Diese einseitige Herangehensweise wirkte einem wachsenden Verständnis von internationaler Politik und Geschichte entgegen. Fakt ist, dass der Weimarer Republik aufgrund des nachhaltigen Diktats jegliche Souveränitat fehlte. Daraus geht hervor, dass der Trend im gegenwärtigen Deutschland weniger auf innenpolitische Gegebenheiten, wie eine zutiefst gespaltene Gesellschaft, als auf die Metaebene von Krieg und Frieden zurückzuführen ist.
Hundert Jahre nach den einzigartigen Ereignissen, welche aktuell im Verhältnis zwischen einem erneut überlegenen Westen und dem postsowjetischen Russland bzw. in der Weimar/Russia debate seinesgleichen gefunden haben könnten, scheint sich die Generationen umfassende Schieflage von damals einmal zum Vorteil Deutschlands zu entwickeln. Seinerzeit das Opfer des anglofranzösischen Vertragswerkes, punktet das Land mit einem kulturellen und historiographischen Sonderangebot. Sowohl in Frankreichs als auch in Englands Buchhandel fehlt eine Konjunktur, wie sie derzeit von Volker Ullrich bis Hans Ulrich Gumbrecht vorangetrieben wird. Herausgeber wie C.H. Beck wurden vergebens um eine Info zu den Verkaufszahlen gebeten.
Peter de Bourgraaf
Fußnoten
1. Deutsches Historisches Museum, Ausstellung. Vollständige Ausblendung von Paris/Versailles ist auch außerhalb Deutschlands an der Tagesordnung. Ein aktuelles Beispiel findet sich in einem US-amerikanischen Bericht zum Haus der Weimarer Republik. Clay Risen, A Failed State Shaped the 20th Century. Can Today's Leaders Avoid Its Fate?, New York Times, 12 January 2026.

