Aufa100 lustrum anthology
We are about to mark the commission's first lustrum (March 19th, 2025) with a groundbreaking publication. The first of two projected anthologies until the 2030s will be published, partially in German, with an academically renowned house.

VICE VERSA Versailles I
Preface
Triggered by the appearance of a historic parallel at the end of the past century, I founded Forum2019 in Amsterdam. This parallel was to be drawn between military events and developments in defiance of a weakened Russia's legitimate security interests and the controversial history of Paris, Weimar and Versailles 1919. My thesis on Britain's colonisation of the Paris conference during the 1918 Armistice's second prolongation was accepted at an unusual one-to-one session with the Netherlands' leading history professor. In 1999, the year when the United States-led military alliance's anti-European and anti-Russian variant of expansion into the East was implemented, it went to war against Serbia without a United Nations mandate. Combining history and memory two decades ahead of the First World War anniversaries (2014–2019), the name of this self-supported peace research and security policy initiative, spoke volumes. Mainstream academia lacked the consciousness that apparently forgotten chapters of history needed to be added to world-war-era curricula.
When the surprise of an all-American party on June 28, 2019, in Paris and Versailles revealed that the Europeans collectively failed to follow-up on the inclusive Armistice commemoration in the French capital, November 2018, I was flabbergasted. On this concluding day of the five-year anniversaries, Versailles was supposed the place to be. This experience of Europe's ignorance and historical amnesia culminated shortly after in the foundation of Aufa100. Since half a dozen years now, its mission has connotations with centuries of German composers' history. The old world's historians should prepare for a Felix Mendelssohn moment. This composer's rediscovery, two centuries ago, of Johann Bach's Matthew Passion after more than a hundred years kept on lightening our darkest hours.
On the occasion of this Transnational Commission for Reappraisal and Commemorative Culture's fifth anniversary (2025), we produced this bilingual anthology that is made up of two different parts. In their original form on our website, each of the elaborated 25 blogposts and essays marked a centenary event or development from the first post-war period (1921–1925). The 2021‒2025 kaleidoscopic series is preceded and completed by a couple of leading articles. In 'Vice Versa Versailles', which may be regarded as an English-language follow-up on the founding manifesto, both memory and history related to the above-mentioned events are being investigated. Given the ongoing controversy over the end of the First World War as well as the appropriate thesis on the second thirty-years' war (1914–1945), we aspired to live up to all aspects of historical critique, last but not least the linguistic one, in alignment with Goethe's principle, 'Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen.'
In the concluding German-language article, the director's Forum2019 backstory shines through after almost thirty years of engagement in the Weimar/Russia debate. The label of this comparative-historical analytic approach should have been adapted long time ago.
Several Aufa100 members rely on a postgraduate degree in security policy. Time and again, the reader will be challenged to bridge the gap between history and politics. Without the methodology of an interdisciplinary approach, it seems hardly conceivable to apprehend the connectivity of contemporary occurrences in the realm of war and peace between Vancouver and Vladivostok.
Einleitung
Der Titel dieses zweisprachigen Sammelbandes weist auf weitgehende Divergenzen zwischen den Vorkommnissen am Ende des Ersten Weltkrieges und der mehr als hundertjährigen Historiographie hin. Im akademischen Raum haben die Ereignisse und Entwicklungen im Winter des siebenmonatigen Waffenstillstandes von 1918–1919 bis vor kurzem kaum untersuchte Beachtung gefunden. In der Geschichtsschreibung herrschte eine lautstarke Amnesie zum kurzerhand geänderten Rahmen der Pariser Friedenskonferenz von 1919 vor. Jüngst veröffentlichte Studien (Thomas Gidney und Scott Malcomson) offenbaren endlich die umwerfenden Konsequenzen davon, dass die Folge der vereinbarten Tagesordnung unter Druck einer britischen Doppeldelegation durcheinandergebracht wurde. Die Teilnehmerzahl der britischen Entente-Führer verdoppelte durch die überraschende Einführung der British Imperial Delegation (Britische Reichsdelegation), die unter der Führung von David Lloyd George's südafrikanischem Schützling Jan Christiaan Smuts einen überproportionalen Einfluss nahm. Während Proteste Woodrow Wilsons, der US-amerikanischen Galionsfigur der Konferenz, sowie der französischen Gastgeber alsbald verhallten, wurde – neben dem vereinbarten Punkt zur Gründung einer internationalen Organisation – unter deren Druck der fünfte Punkt des Waffenstillstandsprogramms, d.h. die Kolonialfrage, priorisiert. Beschwerlich wäre gewesen, dass die Emporkömmlinge britischer Kolonien zu Themen wie den Reparationszahlungen oder den Entente-Verfügungen über Westpreußen oder Deutschlands U-Boote hätten mitgemischt. In der Folge verschob sich die Behandlung von Europas hauseigenen Themen in Paris auf ganze zwei Monate. Aus der zweiten Delegation unter dem Union Jack ging der Impuls hervor, letztendlich nicht nur zum designierten Schaden Deutschlands, sondern auch zum nachhaltigen Schaden von Wilsons Novum, dem League of Nations, beide Punkte der britisch-subimperialistisch geprägten Tagesordnung mit einander zu verknüpfen. Danach begaben sich Wilson und Lloyd George in eine einmonatige Pause nach Hause. Der Titel dieses 27-teiligen Bandes sowie des ersten von zwei Leitartikeln ist ein idiomatischer Versuch, diese folgenschwere, antiamerikanische sowie antieuropäische Schwerpunktverschiebung wieder in den Mittelpunkt zu rücken.
Mit dieser illustrierten Veröffentlichung wird das erste Lustrum der Aufa100 feierlich markiert. Am historischen Datum des 19. März 2020 gründete der niederländische Historiker Peter de Bourgraaf in Berlin und Amsterdam diese "transnationale Kommission für Aufarbeitung und Erinnerungskultur ab 1914". Durch die Orientierung an hundertsten Jahrestagen wirft das interdisziplinäre Forscherteam Licht auf eine besondere Amnesie der Geschichtsschreibung sowie der unterschiedlichen Erinnerungskulturen. Die Brisanz zeigt sich auch darin, dass die klaffende Lücke offenkundig weitreichende Auswirkungen auf die heutige Zeit hat. Im Bereich der Erinnerungskultur bildete über das ganze Jahr 2019 eine Trägerschaft der Vereinigten Staaten eine Ausnahme. Sieben Monate nachdem die Staats- und Regierungschefs aus Ost und West in Paris des Zentenariums des Waffenstillstandes von 1918 gedachten, fehlten zum feierlichen Gedenken des offiziellen Kriegsendes durch die US-amerikanischen Gäste in Versailles nicht nur die Gastgebernation, sondern auch die anderen Nationen Europas. Mehr als hundert Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs am 28. Juni 2019 mangelt es aus unserer Sicht an einer transnational aufgebauten Erinnerungskultur, welche in vielerlei Hinsicht als sinnvolle Ergänzung jeweiliger Kulturen des Nationalstaates betrachtet werden kann.
In einzelnen Beiträgen zum Band rückt die Deutung aktueller Ereignisse in den Vordergrund. Seitdem der ukrainische Bürgerkrieg von 2014 acht Jahre später seitens Russlands in einen Stellvertreterkrieg gegen das „Brudervolk“ bzw. das jahrzehntelang antirussische Westbündnis (NATO) eskalierte, vermehrten sich die Vergleiche zum Ersten Weltkrieg bzw. zur ersten Nachkriegszeit stark.1 Ein wirksamer Nebeneffekt ist, dass langsam von der fast übermächtigen Fokussierung auf die Geschichte des Zweiten Weltkrieges abgerückt wird.
Die Struktur des Bandes, dessen Verzicht auf bestimmte Normen wegen der fortwährend angelsächsischen Prägung der Historiographie als unumgänglich vorausgesetzt wird, setzt sich aus zwei Teilen zusammen. Der erste besteht aus Leitartikeln des Aufa100-Gründervaters. Der zweite Abschnitt ist der Centenaire–Chronologie von 2021 bis 2025 gewidmet. Mit dem Projektbeginn veröffentlichte die Aufa100 auf der Webseite Blogposts und Essays zu hundertsten Jahrestagen der neuen Ordnung. Darüber hinaus gelang ihr 2022 ein Debüt in sowohl den Medien als auch der akademischen Presse.2 Zum ersten Lustrum der Aufarbeitungsinitiative wurden die Jahrhundertblogposts von insgesamt vier Autoren von der Webseite heruntergenommen und von unterschiedlichen Muttersprachlern Korrektur gelesen bzw. neu bearbeitet. Diese zeitaufwendigen Prozesse öffneten uns einmal mehr die Augen. Es wird geplant, das vorgesehene Ende der Mission im Jahr 2033 mit einem ergänzenden Sammelband zu krönen.
Im einleitenden Artikel de Bourgraafs wird nebst der Bestandsaufnahme von Erinnerungskulturen zum fünften und finalen Jahr des ersten Zentenariums des Weltkriegszeitalters (2018–2019) eine Synopsis der vergessenen Geschehnisse angeboten. 2021 wurde die deutschsprachige Originalfassung dieses Artikels als Gründungsmanifest der Aufarbeitungsinitiative hinterlegt. Dahingegen spiegelt der abschließende Leitartikel in derselben Sprache eine herausfordernde Schnittmenge von Politik- und Geschichtswissenschaften wider. In ihm wird das spannende Gedankenexperiment der "Weimar-Russland"-These antithetisch diskutiert. Nachdem diese These in etwa siebzig Jahre nach dem Untergang der Weimarer Republik aufgestellt wurde, wird ihre Wirkung auf die globale Gegenwart vielfach verkannt.
Fussnoten
1. Z.B. Roman Koster, Rezension zu: Teupe, Sebastian, Zeit des Geldes. Die deutsche Inflation zwischen 1914 und 1923. Frankfurt 2022, in: H-Soz-Kult, 20.09.2023. Beispiel des neutralen Lagers (Schweiz): Séveric Yersin, Rezension zu: Daniel Artho, «Schandfleck» oder «Ruhmesblatt»?. Der schweizerische Landesstreik in der Erinnerungskultur, 1918–1968. Zürich 2024, in: H-Soz-Kult, 25.02.2025.
2. Gregor Müller, Der Völkerbund – die ungeliebte Friedensorganisation, MDR, 7. Juli 2022. Peter de Bourgraaf und Benjamin Pfannes, Ein Nobelpreisgewinner von 1915 über England, Empire und Entente, in: Marina Ortrud M. Hertrampf (Hrsg), Frieden! Pazifistische Gedanken im Umkreis von Romain Rolland, München 2022, S. 111–133.

