Die Antithese eines Weimars an der Wolga

21-03-2026

Im Jahr 2026 wird von Ostdeutschland aus nicht nur eine bundesweite, sondern auch eine europaweite Lücke gefüllt. Abgesehen von der Berliner Zeitung, klafft zwischen der Sonderbarkeit der Preußischen Allgemeinen Zeitung und den etablierten Medien der alten Bundesrepublik eine Lücke, die von der neuen Ostdeutsche Allgemeine Zeitung gefüllt werden will. In der zunehmend subjektiv berichtenden Medienwelt wird eine Presse, welche schwerpunktmäßig im Osten Deutschlands verankert ist, zweifellos dem Anspruch gerecht, andere Sichtweisen einzubringen. Zweifellos wird dies einer weltoffenen Allgemeinbildung in Ost und West zugutekommen. Zu Zeiten, in denen dem Krieg von 2014 eine längere Dauer bescheinigt werden kann als die der beiden Weltkriege zusammen, wird die OAZ sicherlich dazu beitragen, dass sowohl aktuelle als auch frühere Geschehnisse oder Entwicklungen anders bewertet werden können.

Als Jugendlicher sowie Wehrpflichtiger bereiste dieser niederländische Autor dreimal die Deutsche Demokratische Republik. Er lernte unter anderem, dass Gespräche in der Öffentlichkeit meist anders verliefen, als im Privaten. In der Rückwärtsperspektive eines halben Menschenlebens seit dem scheinbaren Ende der Teilung Europas betrachtet, ist er kein einziges Mal in den Westen umgezogen. Abgesehen von wiederholter Rückkehr in die Heimat zog er insgesamt ein halbes Dutzend Mal in Richtung Osten um. Ein wichtiger Beweggrund wird vielen vertraut vorkommen. Anstelle von Frontstadt des Eisernen Vorhangs wurden sowohl Wien als auch Berlin wieder zur Brücke zwischen Ost und West. Dem stand im lange geteilten Land nicht entgegen, dass der implodierte Arbeiter- und Bauernstaat samt Berlin, Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik, im Namen eines geeinigten Deutschlands einseitig in Militär- und sonstige Strukturen des Westens eingebunden wurde. Seit einigen Jahren gehört die Gemeinsamkeit des archaischen Brückenbildes allerdings der Vergangenheit an. Wien blieb Wien. Dahingegen neigte Berlin im Schatten der Minsk-Abkommen, die wohlgemerkt von den Europäern unter sich verhandelt wurden, immer stärker dazu, den die antirussischen Osterweiterungen weiterhin vorantreibenden Vereinigten Staaten von Amerika Verantwortung abzugeben. Ab den 2010-er Jahren brachte – bis auf einige Ausnahmen in Mittelosteuropa – kein Mitglied des Russland einkreisenden Militärbündnisses (Nato) der russischen Führung etwas im Sinn von Nicolas Sarkozys und Angela Merkels einträchtig entschlossenem Widerstand gegen Washingtons Konfrontationskurs entgegen (Bukarest 2008). Infolge Russlands Griff zu ebenfalls militärischen Mitteln im Jahr 2022 wurde von der Berliner Republik eine Zeitenwende verkündigt. Die westlich geprägten Regierungen ab Bundeskanzler Olaf Scholz erteilten sämtlichen Befürwortern und Erben der historisch erfolgreichen Ostpolitik eine Absage.

Daran schloß sich die deutsch geprägte Führung der Europäischen Union an. Im Zuge dessen möchte dieser Historiker auf das Schweigen zu einer akademischen Debatte namens Weimar/Russia debate hinweisen. Es gibt bestimmte Gründe, die Nennung des englischsprachigen Originals zur Weimar-Russland-These vorzuziehen. Im Gegensatz zu einem entsprechenden Leitartikel im Sammelband Vice Versa Versailles handelt es sich in diesem Beitrag nicht darum, wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht zu werden. Im Rahmen der neuen Ostpresse wird auf das Potenzial einer umgekehrten, bottom-up Perspektive abgezielt. Infolgedessen könnte die langjährige Ignoranz des Wissenschaftsbetriebes offengelegt werden. Dem faulen Schweigen in der Debatte ab dem Ende des vergangenen Jahrhunderts soll endlich ein Ende bereitet werden. Spannend ist, dass die Namensgebung der These spätestens ab Beginn dieses Jahrhunderts kritisiert werden kann. Im Gegensatz zu ihr hat die geringfügig jüngere Antithese weiterhin Bestand.

Ob in Ost oder West, bis vor kurzem wurde flächendeckend geschwiegen. Seitdem die Bill-Clintonregierung im sechsten Jahr der Deutschen Einheit beschloss, wie 1919 die Briten und ihre subimperialistischen Reichsdelegation (British Imperial Delegation) in Paris, zum offenkundig sicherheitspolitischen Schaden des ehemaligen Gegners sowie im Widerspruch zu den Vereinbarungen am (jeweiligen) Kriegsende eine expansive Außenpolitik zu betreiben, wurde die gleichzeitig entbrannte Debatte allmählich totgeschwiegen. Sie gründete sich darauf, dass sich die Ereignisse und Entwicklungen innerhalb der gerade gegründeten Russischen Föderation denen der Weimarer Republik gleichen. Nachdem die Vorgänger beider Staaten am Ende kriegerischer Auseinandersetzungen unterlagen, wurde die diesbezügliche Schwäche durch tiefgreifende Transformationen im Innern verstärkt. Schon diese unilaterale Auslegung von potenziell umfassenden Analogien sollte jeden, der aus der ersten Nachkriegsordnung und dem Zeitalter der Weltkriege Lehre ziehen möchte, in den höchsten Stand der Alarmbereitschaft versetzen. Seit Clintons antirussische und daher antigesamteuropäische Ouvertüre beteiligte sich der entsprechend alarmierte Autor nachweislich als frischgebackener Historiker an der nunmehr multilateralen Debatte. Damals wurde weder von Kollegen noch von ihm erkannt, dass deren Name der gegenseitigen Perspektivität keine Rechnung trug. Unter dem Dach seiner transnationalen Aufarbeitungsinitiative Aufa100 wurde die längst fällige Umbenennung nachgeholt.

Share