Fanny, Petit Paris

18-03-2021

(GER) „Das heißt nicht: réparation. Das ist séparation." Am 18. März 1921 wandte sich Fanny Klinck im Namen aller deutschen Frauen an den Völkerbund. Ein faszinierendes Zeitdokument, das die Vereinigten Nationen vor kurzem veröffentlichten und als Teil einer vernachlässigten Geschichte verstanden werden soll, die insgesamt zur Aufarbeitung des Kolonialismus gehört. Zu dieser neuesten Entwicklung der Erinnerungskultur bekannte sich neulich der Rat der Stadt, in der Fanny zuhause war.


Eine Leipzigerin über London, League & Lloyd George


ESSAY

Vor einhundert Jahren: Grüße aus Leipzig - Brief an den Völkerbund

(900 Wörter, sechs Absätze)

Nicht ganz zwei Jahre nachdem Deutschland in Paris unter dem Vorwand des Internationalismus eine kategorisch imperialistische Friedensordnung diktiert wurde, ging in der frisch eröffneten Geschäftsstelle des Völkerbundes in Genf der Brief einer Leipziger Bürgerin namens Fanny Klinck ein. Er beginnt mit der Überschrift: "Deutschlands Frauen erheben Protest gegen Sanktionen als Akte der Arglist, Willkür und Gewalt" und verurteilt vehement die "Aktionen der Justiz", die willkürlichen Forderungen und die Unmöglichkeit der Leistung - der Reparationszahlungen, die durch den aufgezwungenen Krieg aufgebracht werden müssen.(1) Klinck reklamiert wohlgemerkt nicht, für das gesamte Volk Deutschlands zu sprechen, wohl aber im Namen aller deutschen Frauen. Das ist recht ungewöhnlich für eine Zeit, in der Frauen gerade erst das allgemeine Wahlrecht erkämpften, und überdies ein bemerkenswerter Zufall, dass jener Brief von einer Frau just aus der Stadt kam, in der 1865 der erste Allgemeine Deutsche Frauenverein von Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt gegründet wurde.

Mit einem Zitat des vielfach unterschätzten Konferenzleiters David Lloyd George, der "Reparationen wolle bis zum Weißbluten, bis der letzte Pfennig herausgeholt worden sei", unterstreicht Fanny Klinck auf insgesamt sechs Seiten ihre Empörung über die Absicht, Deutschland handlungsunfähig zu machen. Wie sehr die entrüstete Bittstellerin sich um die deutsche Ehre sorgt, wird nur allzu deutlich an Wendungen wie "begründete Ansprüche der Frauen auf Ehre und Ansehen der Nation" oder die "unter der glühenden Sonne Afrikas geleistete Kulturarbeit" in den Kolonien. Folgerichtig protestiert sie - im Namen aller Frauen - gegen die erpresste Schuldanerkennung, die das Volk insgesamt zu einem Verbrecher abstempele. Wohlgemerkt zum Pauschalverbrecher, da ihm bereits zu Beginn der Pariser Konferenz die Schuld an einer humanitär und moralisch minderwertigen Kolonialverwaltung zugeschoben wurde. Dies ging weit über das Ausmaß des zermürbenden Weltkriegs hinaus. Erst am Vorabend der Unterzeichnung, als sich der amerikanische Präsident Woodrow Wilson seit fast einem halben Jahr im Ausland befand, wurde unter Druck der doppelt vertretenen Briten die allumfassende Kriegschuldklausel aufgesetzt.(2)

Was in Folge mit dem sächsischen Brief in der Vertretung von 43 Nationen passierte, ist unbekannt und es kann leicht davon ausgegangen werden, dass er baldigst zu den Akten gelegt wurde. Politisches Handeln provozierte er sicherlich nicht. Vor dem Hintergrund der rasanten Entwicklungen in Deutschland ist er allerdings ein aufschlussreiches Zeitdokument, das die gesellschaftlichen Verhältnisse nach Inkrafttreten des Versailler Vertrages und vor allem nach der (unvollendeten) Revolution 1919 offenlegt. Aus einer gut bürgerlichen Familie in Emden stammend, konnte Fanny Klinck ihren Lebensstil als Schriftstellerin und Journalistin nachgehen und engagierte sich ganz offensichtlich auch politisch. Das neulich vom Genfer Sitz der Vereinigten Nationen digital entschlüsselte Schriftstück der 76Jährigen (!) trägt die Notiz „Mitglied der deutschnationalen Volkspartei“ (DNVP), jener rechtskonservativen Partei in der Tradition der hoffnungslos entmachteten Monarchie, die den Putsch ihres Mitglieds Wolfgang Kapp unterstützte.

Auch dieses Kapitel deutscher Geschichte ist mit Leipzig tragisch verbunden. Auf einem niedrigeren Stand konnten sich die Beziehungen zwischen Paris und „Petit Paris“ kaum befinden.(3) Vorausgegangene Unruhen über Versorgungsengpässe und die Gründung von Soldaten- und Arbeiterräten mündeten 1919 in Leipzig (wie in vielen anderen Städten) in von der KPD ausgerufene Generalstreiks und bewaffnete Auseinandersetzungen mit mehr als siebzig Toten. General Maercker besetzte im Mai mit nicht weniger als 15.000 Reichswehrsoldaten die Stadt und versuchte, zur Beseitigung der Republik eine Militärdiktatur zu errichten. Unterstützung erhielten sie unter anderem von sehr vielen Angehörigen der Universität. So schlossen sich zahlreiche Studenten dem Zeitfreiwilligenregiment an, änderten jedoch nichts an der Tatsache, dass die Mehrheit der Leipziger vollends post-wilhelminisch die Reichsregierung befürwortete. Bei Massenprotesten gegen die Reichswehrtruppen kamen am 14. März 1920 (Leipziger Blutsonntag) erneut Dutzende Demonstranten ums Leben.

Reichsgericht Leipzig, 1921 (jetzt Verwaltungsgericht)
Reichsgericht Leipzig, 1921 (jetzt Verwaltungsgericht)

Im nächsten Winter begannen in der Messe- und Musikstadt die „Leipziger Prozesse“, bei denen erstmalig versucht wurde, Kriegsverbrechen zu ahnden. Zum hundertsten Jahrestag dieses fast vergessenen Verfahrens von 1921 bis 1927, das der Deutschen Republik von London und Paris abverlangt wurde, berichtete kürzlich der Mitteldeutsche Rundfunk. Die vergleichsweisen milden Urteile - mehr als die Hälfte von siebzehn Angeklagten wurde freigesprochen - waren Ausgangspunkt und Lehrstück für das, was ein viertel Jahrhundert später nach millionenfachem Völkermord im Nürnberger Kriegsverbrechertribunal folgen sollte.

1929 starb die widerstandsfähige Patriotin im Alter von 83 Jahren. Wie dem im gleichen Jahr verstorbenen Außenminister Gustav Stresemann, dem in Babylon Berlin in den Mund gelegt wird: "Meine Friedensvermittlung zielt allein darauf ab, dass neue Vereinbarungen nicht mehr auf unserer moralischen Demütigung und der wirtschaftlichen Unterwerfung unseres Vaterlandes fußen", blieb ihr die Weltwirtschaftskrise im Oktober desselben Jahres als nächste Entwicklungsstufe der "Urkatastrophe" 1914-1919 erspart.(4) Wie hätte die vom "neutralen Genf" enttäuschte Rentnerin die kommenden Ereignisse wohl beurteilt? War sie bis zu ihrem Tode Mitglied der Deutschnationalen oder hätte sie, wie beispielsweise der spätere Leipziger Oberbürgermeister Carl Friedrich Goerdeler, die Partei verlassen? Die Erinnerungskultur bleibt lückenhaft und doch verbindet sie auf einzigartige Weise die Geschichte der Stadt Leipzig mit der des Vertrages und "Bundes von Versailles", wie das britische vereinnahmte Steckenpferd Woodrow Wilsons von den mit Recht skeptischen Gastgebern in der Schweiz bezeichnet wurde. Nicht nur die Abgründe der jungen Republik, sondern auch die der etablierten Demokratien von damals und jetzt, ganz aktuell in den angelsächsischen Ländern, werden zur Mahnung sichtbar.


Janina Cymborski und Peter de Bourgraaf


Anmerkungen

1.  Total Digital Access Project: League of Nations (2021): L'Allemagne et les sanctions alliés - Fanny Klincks, Leipzig - Transmet un protestation, au nom des femmes allemandes, contre les sanctions ordonnées par les Puissances alliées. United Nations Archives Geneva. https://lontad-project.unog.ch/idurl/1/2243

2.  An der Konferenz beteiligten sich durch einen britisch-britischen Coup doppelt so viele britische Vertreter als die jeweils sechs der anderen Großmächte. Zur "British Imperial Delegation", siehe Peter de Bourgraaf, "Hundert Jahre Urkatastrophe. Der Kolonialvertrag 1919", Göttingen 2018.

3.  Bekanntlich nennt sich die Messe- und Musikstadt liebevoll „Petit Paris“.

4.  ARD, verfügbar bis 9. Mai 2021, Staffel 02/E03.



Derweil, im Osten.

Am 18. März 1921 unterzeichneten die Polnische Republik auf der einen Seite und die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik (RSFSR) und die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik (USSR) auf der anderen Seite in Riga einen Friedensvertrag. Dieser war ein Meilenstein in der europäischen Nachkriegsordnung, wurde aber in Deutschland in seiner Bedeutung unterschätzt. Die Signatarstaaten erkannten darin unter anderem die Unabhängigkeit von „Belarus“ an, die ironischerweise nicht einmal Vertreter*innen an den Verhandlungstisch entsenden durfte. Gleichzeitig wurden die mehrheitlich von Belarus*innen bewohnten Gebiete zwischen Polen und der späteren Sowjetunion in der Mitte geteilt.(1)

Es versteht sich, dass die Leipziger Bittstellerin Fanny Klinck nicht darüber schrieb.


1.  Quelle: Deutsche Gesellschaft für Osteuropa