Colocaust?

17-06-2021

(GER). Dass Deutsche in Sachen Kriegsverbrechen second-to-none Täterschaft beanspruchen, bezweifelt niemand, dem die Geschichte ab 1939 vertraut ist. Einem derzeitigen Absolutheitsanspruch bis hin zur Kolonialgeschichte vor Anfang des Weltkriegszeitalters muss in einem transnational abgesicherten Raum Einhalt geboten werden, zumal die Ereignisse südafrikanischer Nachbarkolonien auch von manchen Kritiker im Ausland falsch ausgelegt werden.


Colocaust: hybrider Schultkult?


ESSAY

(660 Wörter, sieben Absätze)

Wenn in Deutschland, hundert Jahre nach dem spärlich gedachten Ende des Ersten Weltkrieges, eine patriotische Haltung nicht gern gesehen wird, führt das bei manchem in eine Art Antipatriotismus, der in seiner Hässlichkeit den gerade kritisierten Nationalisten von damals und jetzt, "Faschisten, Rechte, AfD", Konkurrenz macht. Im dritten Jahrzehnt des deutschen Imperialismus in Afrika und Asien hätte laut Journalisten und Akademikern im heutigen Namibia der erste Genozid des zwanzigsten Jahrhunderts stattgefunden. Warum wird die postkolonialen Debatte gerade von Deutschen überboten?

Auf der achten Seite in „Die Zeit“ vom 20. Mai, „Genozid an Herero und Nama“, kategorisiert Andrea Böhm die deutschen Gräueltaten in der Kolonie Südwestafrika als „ersten Genozid im 20. Jahrhundert“. In der Geschichtswerkstatt des Leipziger Missionswerks wurde der Anfang der Völkermordgeschichte im Jahrhundert des Hochimperialismus und der Weltkriege von Mathias Hack, wissenschaftlichem Mitarbeiter der Universität Leipzig, bereits entsprechend bezeichnet (29.4.2021). Die englischsprachige Deutsche Welle News sprach eine Woche nach Böhms Beitrag ebenso von „the first genocide of the twentieth century“.

In der Hauptsache bestehen keine Zweifel daran, dass sich im deutschen Kolonialkrieg zwischen 1904 und 1908 ein Völkermord ereignete. Die Nummer-Eins-Einordnung soll in Frage gestellt werden. Diese tendiert mit Verweis auf den deutschen „Katechismus“ (Dirk Moses, Geschichte der Gegenwart) zu einer Übergriffigkeit deutscher Schuldkult-Meisterschaft, wenn nicht zur Aneignung einer Art „kolonialen Holocaust“.

Ein Kolonialkrieg reihte sich an dem anderen. Im Zweiten Burenkrieg (1899-1902) starben in britischen Konzentrationslagern bekanntlich mehr als vierzigtausend Schwarze neben mehrheitlich Weißen und Farbigen, d.h. nach der modernen Begrifflichkeit von Genozid eine ähnliche Anzahl als ein paar Jahre später ein Großteil der Nama- und Hererostämme in der Nachbarkolonie. Im letzten Jahrhundert zeichnete sich in und außerhalb Deutschlands eine bis heute währende Tendenz ab, diesen extrem brutalen Kolonialkrieg zu ignorieren. Eine besondere Art der Ignoranz kann Jacob Rees-Mogg, dem Leiter des britischen Unterhauses, nachgesagt werden. Im Februar 2019 behauptete der eingefleischte Brexiteer, genau hundert Jahre nach dem Kolonial- und Empire-Coup der Briten auf der Konferenz in Paris (1919): „These people were interned for their safety. The Boer War had people put in camps for their protection [...] It was not systematic murder.“

Warum werden ähnliche, ungleich viel mehr Menschenleben fordernden Kriege in der Jahrhunderte alten Kolonialgeschichte vor dem späten Einstieg Deutschlands kaum kritisiert, wenn nicht vergessen oder insgesamt verharmlost? Wo Deutsche, unter denen nicht selten bekennende Europäer, zum größten Teil unbewusst versuchen, eine andere Kolonialmacht des Novums von als Genozid klassifizierten Gräueltaten zu entheben, zeichnet sich diese Tendenz auch anderenorts ab. Damit wird nicht nur der Geschichte Europas und Großbritanniens, sondern auch der der kolonisierten Völker und Opfer Unrecht getan.

Patrioten aller Länder und Europas muss bewusst werden, dass weder die ersten KZs noch der erste Völkermord des vergangenen Jahrhunderts deutscher Geschichte zuzuschreiben sind. Wichtiger als ein zeitlicher Rollentausch unter Kolonisatoren wäre die Frage, woher die Leugnung bzw. Ausblendung diesbezüglicher Geschehnisse im weltweit größten Kolonialreich stammt. Passen sie vielleicht nicht zum Katechismus? Gerade Anrainer des Leipziger Völkerschlachtdenkmals, das wegen seiner monströsen Ausmaße recht unübersehbar ist, sollten es besser wissen. Hat das „Völki“ doch seit der ersten Nachkriegszeit ein Pendant in Südafrikas ehemaliger Republik Transvaal. Als der jüngere der Zwilling-Klötze erinnert das Voortrekkersmonument - zwar in einer heute nicht mehr angemessenen Weise - an Völkermord bzw. Totenlager, welches „Beispiel“ ab 1902 jedem Kolonisator und Imperator zur Verfügung stand.

Außerhalb Deutschlands passen sie scheinbar nicht zum Bild der „beispiellosen“ Täterschaft der Huns. Doch der diesbezügliche Weltschmerz ist viel europäischer als mancher zu denken scheint. In einer Replik zu Moses gelingt es kürzlich dem Historiker Neil Gregor, Southampton, vor dem Hintergrund breiterer europäischer Erbschaften die unfaßbare Geschichte des Holocaust besser verständlich zu machen (see English original). Es kann daher nicht sein, dass Deutschland jetzt auch den „Colocaust“ will. So sollte im Jahr der bundesdeutschen Anerkennung des Völkermords in Südwestafrika, die in Joe Bidens Umgang mit dem etwas jüngeren Völkermord an den Armeniern ihre Parallele findet, zur Errichtung eines Denkmals für den ersten Genozid auf deutschem Boden angeregt werden.


Peter de Bourgraaf