Friedrich Ebert im Spiegel unserer Epoche

01-03-2025

2.200 Worte

Im Jahr 2023 liefen bei der Aufa100 Planungen, einen Beitrag zu den neuesten Entwicklungen der Weimar/Russia debate zu leisten. In diesen nunmehr dreißigjährigen Diskurs schaltete sich der niederländische Aufa100–Gründervater, damals ein frisch graduierter Historiker aus Amsterdam, von Anfang an ein. Anlässlich des hundertsten Todestages Friedrich Eberts, am 28. Februar 2025, erschien diese Teilstudie zum abschließenden Leitartikel dieses Bandes online.

Am 11. Februar 1919 trat Friedrich Ebert, der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, das neu geschaffene Amt des Reichspräsidenten an. Auf der Pariser Friedenskonferenz wurde das Waffenstillstandsabkommen vom 11. November 1918 inmitten einer weltumspannenden Epidemie namens die Spanische Grippe zum dritten und letzten Mal verlängert. Das ausgeschlossene Deutschland befand sich im Würgegriff revolutionärer Wellen.


Weimar-Russland-Debatte


Jahrhundertwarnung

Im Rahmen dieser historisch-politischen Studie gehörte es zur Methodik, gewissenhaft die Differenzen beider Nachkriegsordnungen zu analysieren. 

Doppelpack

Mit der Ausnahme der zwischenzeitlichen Amtsübergabe an Dimitri Medwedew (2008‒2012) liegt im Rahmen der Hypothese praktisch dieselbe Zahl der Präsidentschaften vor wie vor hundert Jahren im ähnlichen Ungleichgewicht einer westlich geprägten Nachkriegsordnung. Die Genese dieses politisch-historischen Doppelpacks könnte auf Zufall beruhen. Während der hochbetagte Präsident von Hindenburg nach fast zehn Jahren im Amt starb, machte das russische Pendant nach praktisch einem Vierteljahrzehnt keine Anstalten, seins zu übergeben. Allerdings scheinen zeitliche Differenzen kaum ins Gewicht zu fallen. Dies wird durch einen Blick auf den geographischen Bereich verstärkt. Hinter den fremdartig gezogenen Ostgrenzen der Weimarer Republik befand sich zum Beispiel nichts, dass sich mit der Unendlichkeit der ostrussischen Weiten gleichsetzen ließe. Eine Vielzahl der Abläufe sowie auch Bewusstwerdungs- und Implementationsprozesse in Russlands eurasischem Großraum nimmt durchaus mehr Zeit in Anspruch als in den größeren Staaten „Kleineuropas“, einschließlich Deutschland.

[Ausschnitt]



Vice Versa Versailles
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Peter de Bourgraaf


Fußnoten

1.  Ulrich Herrmann, Der deutsche Makel ⎼ Der Vertrag von Versailles und die Folgen, SWR, 6. Februar 2019, S. 2 und 7.

2.  Weimarer Republik e.V.

3.  Der Zustand könnte gleichzeitig als einer der scheinbaren Selbstisolierung bezeichnet werden. Sabine Mangold-Will, Vorbild Türkei – dunkles Licht aus dem "Orient". Zu einer transnationalen Geschichte der Weimarer Republik auf dem Weg in den Abgrund, in: Christoph Cornelißen and Dirk van Laak, Einleitung: Die (Ent-)Provinzialisierung Weimars, in: Cornelißen and van Laak (eds.), Weimar und die Welt. Globale Verflechtungen der ersten deutschen Republik, Göttingen 2020, S. 189.

4.  Stephen E. Hanson und Jeffrey S. Kopstein, The Weimar/Russia Comparison, in: Post-Soviet Affairs 13, 3 (1997), S. 252–283.

5.  Die US-Amerikaner George Kennan und Henry Kissinger bewerten die NATO-Osterweiterung im gleichen Tonfall als eine „Katastrophe.“ Robert Skidelsky, Britain's insistence on total Ukrainian victory was misguided – it's time for a realistic compromise, in: The Guardian, 25. Februar 2025.

6.  Jost Dülffer, Rezension zu: Rödder, Andreas, Der verlorene Frieden. Vom Fall der Mauer zum neuen Ost-West-Konflikt, München 2024.

7.  Gabriele Metzler, Zwischen Kolonialrevisionismus und Mandatspolitik. Das Auswärtige Amt und die koloniale Frage in der Weimarer Republik, in: Carlos Alberto Haas, Lars Kehmann, Brigitte Reinwald, David Simo (Hrsg.), Das Auswärtige Amt und die Kolonien. Geschichte. Erinnerung. Erbe, München 2024, S. 245-277, hier 247.

8.  Weimarer Republik e.V., Übersicht des angeblichen Dutzends Reichskanzler.

9. Stephen E. Hanson und Jeffrey Kopstein, The Weimar/Russia comparison revisited, in: Russian Politics 8, 4 (2023), S. 419–439.

10Glenn Diesen, NATO Expansionism and the Collapse of Pan-European Security, Substack, 3. Februar 2025. 

11. Katharina Bluhm, Russland und der Westen. Ideologie, Ökonomie und Politik seit dem Ende der Sowjetunion, Berlin 2023, S. 164; St. Petersburger will Diktatur. Pinochet als Vorbild, in: Neues Deutschland, 31.12.1993.

12. Während der Kampagne um die Präsidentschaft 1997 verglich der Kandidat Gennadi Sjuganow das Russland-NATO-Abkommen mit dem Abkommen von Versailles, das den Ersten Weltkrieg beendete und dem geschlagenen Deutschland erniedrigende Bedingungen aufzwang. Bluhm, Russland und der Westen, S. 105.


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