Friedrich Ebert im Spiegel unserer Epoche

01-03-2025

2.000 Worte

Im Jahr 2023 liefen bei der Aufa100 Planungen, einen Beitrag zu den neuesten Entwicklungen der Weimar/Russia debate zu leisten. In diesen nunmehr dreißigjährigen Diskurs schaltete sich der niederländische Aufa100–Gründervater, damals ein frisch graduierter Historiker, von Anfang an ein. Anlässlich des hundertsten Todestages Friedrich Eberts, am 28. Februar 2025, wurde diese Teilstudie zum deutschsprachigen Leitartikel des ersten von zwei geplanten Sammelbändern erfasst.

Am 11. Februar 1919 trat Friedrich Ebert, der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, das neu geschaffene Amt des Reichspräsidenten an. In Paris wurde der Waffenstillstand vom 11. November 1918 ein drittes und letztes Mal verlängert. Deutschland befand sich im Würgegriff revolutionärer Wellen. Daraufhin wurde der Sitz des Parlamentes und der Regierung von der Hauptstadt ins thüringische Weimar verlegt. Zum Zeitpunkt der Verlängerung wurde Deutschlands Kolonialreich von den Alliierten und Woodrow Wilsons Vereinigten Staaten zerlegt und aufgelöst. Im Vertragsentwurf vom Mai 1919 wurden die Deutschen, die während den ersten dreieinhalb Monaten von der Konferenz ausgeschlossen wurden, mit dem Tatbestand dieser weißen Entkolonialisierung konfrontiert. Daraufhin merkte ihr Delegationsleiter an, dass das Waffenstillstandsabkommen maßgeblich verletzt wurde.(1)  Im Gegensatz zu Österreich, dem die alliierten Mächte diesmal ohne die Beteiligung einer US-amerikanischen Delegation einen separaten Friedensvertrag auferlegten, wurde das Deutsche Reich vollkommen von der Nachkriegsordnung ausgeschlossen. Alsbald durfte die österreichische Republik einem entsprechend exklusiven Völkerbund beitreten.

Am 28. Februar 1925 starb das erste Staatsoberhaupt des post-monarchistischen Reiches nach sechs ereignisreichen Jahren im Amt. Wie sehr sich das Profil im Vergleich mit dem letztendlich einzigen Nachfolger unterschied, Eberts Verurteilung des diktierten Vertrages von Versailles als „unerfüllbar, unerträglich und unannehmbar“ wurde parteiübergreifend getragen.(2)  In Zusammenarbeit mit einem halben Dutzend Reichskanzlern vermochte weder der Deutsche noch die Vertragsautoren und Schutzmächte die zutiefst stringenten Bedingungen des Friedensdiktats wesentlich abzumildern. In dieser gegenwartsbezogen Studie werden personelle Gegebenheiten der Staatsführung im Zustand eines verlorenen und zerstörten Gleichgewichtes zwischen Ost und West analysiert. Ausgehend von der Nachkriegsordnung von 1919 wird versucht, einen Vergleich mit ähnlichen Entwicklungen ab 1991 aufzuzeigen. In diesen turbulenten Jahren wurde die Russische Föderation als Nachfolgestaat der aufgelösten Union der sozialistischen Sowjetrepubliken gegründet. Zunächst wurde sie von der Offensichtlichkeit gesellschaftlicher und wirtschaftspolitischer Unsicherheiten gekennzeichnet. Als sich diese in der Außenpolitik durch westlich geprägte Ausschlusstendenzen stark vermehrten, mussten innerhalb des zunehmend isolierten Staates maßgebliche Auswirkungen auf die Identität, Zukunftserwartung und Volksgemeinschaft befürchtet werden.

Kurz nach ihrer Gründung auf den Ruinen des kommunistischen Experiments erkannten Beobachter der Ost-Westbeziehungen in ihr ein Pendant der diktierten, strukturell unterlegenen Weimarer Republik. Von ihnen wurde die Weimar-Russland-Debatte geprägt. Im desorientierten Land zwischen dem Pazifik und der Ostsee bzw. Schwarzem Meer herrschten in vielerlei Hinsicht Weimarer Verhältnisse. In der Debatte wurde zunächst Russlands politische Entwicklung vor dem Hintergrund schwacher staatlicher und gesellschaftlicher Institutionen analysiert. 1997 leisteten die US-amerikanischen Politik- und Sozialwissenschaftler Hanson und Kopstein im Team einen maßgeblichen Beitrag. Die Auflistung einzelner Argumente zur Untermauerung der These wurde gleichfalls um Gegenargumentation ergänzt.(3)

In der vergleichenden Analyse der Historie und Gegenwart argumentierten andere, dass die geschwächte Großmacht, abgesehen von Weimarer Verhältnissen im eigenen Haus, alsbald in diese Rolle gedrängt wurde. Im Vergleich zu den frühen 90er Jahren veränderte sich der Umgang mit dem Russland des entmachteten Michael Gorbatschows gegen Mitte des Jahrzehnts maßgeblich. Mit der Ostweiterung der US-geführten Atlantischen Allianz wurden primäre Sicherheitsinteressen Russlands ignoriert. Die Russland ausgrenzenden Erscheinungsformen der Erweiterung glichen eindeutig einem Bruch mit mehreren Abkommen zur Beendigung des Kalten Krieges, zum Beispiel der Charta von Paris für ein neues Europa.(4)  Diese Ignoranz bzw. der Bruch dehnte sich auf alle der eben genannten sowie die übrigen Organisationen (z.B. Welthandelsorganisation WTO) aus. Hanson und Kopstein gehörten nicht zu denjenigen, bei denen beide Seiten der Medaille in Betracht gezogen wurden. In Fall des Duos wurde übersehen bzw. ignoriert, dass der machtpolitisch überlegene Westen gezielt militärische und politische Agenden zur Einkreisung bzw. dauerhaften Isolierung des Gegenübers verfolgte.

Da sich die beiden im neunten Jahr des Stellvertreterkrieges in und um die Ukraine mit einem Evaluationsbericht zur eigentlich alarmierenden Vergleichsstudie zurückmeldeten, dient deren epochales Gesamtwerk als Diskussionsgrundlage. Darin fand die antirussisch expandierende North Atlantic Treaty Organisation (Nato) oder deren Synonyme kein einziges Mal Erwähnung.


Jahrhundertwarnung

Im Rahmen dieser historisch-politischen Studie gehörte es zur Methodik, gewissenhaft die Differenzen beider Nachkriegsordnungen zu analysieren. Sollten diese im Endeffekt als schwerwiegend eingestuft werden, läge es nicht nahe, irgendwelche Rückschlüsse zum Forschungsergebnis an die jeweiligen Entscheidungsträger heranzutragen. Entsprechend klänge die Jahrhundertwarnung ab. Auch wenn der These keine Aufmerksamkeit geschenkt wurde, lautete die Botschaft geschichtswissenschaftlicher Studien immer wieder, dem Verlust des jungen Friedens entgegenzuwirken.(5)  In diesen Kontext passte, den Tatbestand des NATO-Russland-Rates – wohl im Abstand von zwei bis drei Generationen – nicht als wirksames Lehrstück von Deutschlands letztendlich fehlgeleiteter Aufnahme in den Völkerbund abzuheben, sondern ihn als eine Art kopierten Monstrums zu betrachten. Bekanntlich führte die einseitige Ausrichtung dieses Zuganges von 1926 nicht dazu, dass das Gift des Diktates neutralisiert und eine Gleichberechtigung der weiterhin ausgegrenzten Nation angestrebt wurde. Dabei erwiesen sich die jeweiligen Prämissen der Ausschließung, insbesondere die im kolonialen bzw. weltpolitischen Bereich, als unumkehrbar.(6)  Die aktuelle Vergleichsstudie enthielt von Anfang an entsprechende Kritiken. Eine systematische Auflistung der Gegenargumente fand sich sowohl beim amerikanischen Duo als auch beim Forum2019, mit dem sich ab 1998 de Bourgraaf als dessen Gründervater in die Debatte einmischte.

Die Personalien 1919 und 1991 zeigen mehrere Parallelen auf. Am Rennen um Eberts Nachfolge beteiligten sich der Kommunist Ernst Thälmann, der ehemalige Reichskanzler Wilhelm Marx sowie der Kriegsveteran Paul von Hindenburg. Das Profil eines Generals mit viel beachteten Verdiensten an der Ostfront (1914‒1918) spielte bei dessen Wahlsieg eine entscheidende Rolle. Somit stammte letzten Endes nur ein einziger Präsident der Nachkriegszeit dem bürgerlichen Lager. Während der Präsidentschaft Hindenburgs wurden weitere Militärs, wie z.B. Franz von Papen, in die höchste Ämter der Republik berufen. Da es nicht gelang, das Land mit parlamentarischen Mitteln aus der Dauerkrise des Diktats zu führen, überlegte sich der zweite Präsident mehr oder weniger radikale Alternativen. Acht Jahre nach der Übernahme von Eberts Amt veranlasste er den Austausch des Reichskanzlers Kurt von Schleicher gegen einen kompromisslosen Versailles-Revisionisten. Der Nationalsozialist Adolf Hitler wurde Anfang 1933 zum dreizehnten Reichskanzler ernannt. Diese ebenso historische wie geschichtswissenschaftlich korrekte Reihenfolge wird von staatlich subventionierten Akteuren verleugnet.(7)

Kurz nach Russlands Invasion der Ukraine (2022) meldeten sich Forscher der ersten Stunde mit spannenden Rückblicken bzw. Ergänzungen zurück.(8) Ein wesentlicher Teil der Kritik an Hanson, Kopstein und Anderen ist, dass die Wechselseitigkeit bzw. das multilaterale Umfeld der These ignoriert wird. Außerhalb dem Rahmen fallen, wie gesagt, die Machenschaften eines kollektiv ausgrenzenden Westens.(9)

Im Jahr 2025 wies die Russische Föderation im Vergleich zur ersten Deutschen Republik einen doppelt so langen Werdegang vor. Im Siegerstaat der UdSSR (1945–1991), aus dessen Ruin die demokratisch gegründete Russische Föderation hervorging, betrug die Amtszeit des Generalsekretärs im Durchschnitt knapp sieben Jahre. In der Föderation liegt der Durchschnitt bei zwölf Jahren. Wie im Fall von Weimar und Ebert ließ die Gesundheit ihres ersten Präsidenten stark nach. Aus dem Grund übergab Boris Jelzin nach etwa acht Jahren das Amt. Wie im historischen Präzedenzfall, war dieser Zeitraum bis zum Ende von tiefgreifenden Transformationen gekennzeichnet. Hinzu kam eine weltweite Finanzkrise, die im unangefochtenen Westen – wenig überraschend – erheblich schneller überwunden wurde (1923 versus 1998). Zwar trat 1999, als das Land vom westlichen Militärbündnis in Wort und Tat mehrmals übergangen wurde, kein Militär an die Stelle des entkräfteten Demokraten, aber es schien kein Zufall, dass die paramilitärischen Verdienste des Nachfolgers (Silowiki) den hypothetischen Unterschied zu Reinkarnationen von Hindenburgs Konkurrenten Marx und Thälmann machten.(10)  Die erste Amtszeit Vladimir Putins wurde vom todkranken Jelzin (1931–2007) knapp überdauert.

1933, im Jahr des Untergangs der Deutschen Republik, lag der Wechsel zum Einsatz von Militärs in die Staatsführung etwa acht Jahre zurück (1925). Die Remilitarisierung sowie militärische Bekämpfung des Diktats wurde durch Hindenburgs persönlich berufenen Nachfolger entschieden vorangetrieben. Seit dem ähnlichen Wechsel zu Beginn des neuen Jahrtausends in Russland verging ein Vierteljahrhundert, das vom Ausbruch des letztendlich langwierigen Stellvertreterkriegs in und um die Ukraine geprägt wurde.


Doppelpack

Mit der Ausnahme der zwischenzeitlichen Amtsübergabe an Dimitri Medwedew (2008‒2012) liegt im Rahmen der Hypothese praktisch dieselbe Zahl der Präsidentschaften vor wie vor hundert Jahren im ähnlichen Ungleichgewicht einer westlich geprägten Nachkriegsordnung. Dieses politisch-historische Doppelpack könnte sich zufällig ergeben. Während der hochbetagte Präsident von Hindenburg nach fast zehn Jahren im Amt starb, machte seine jüngere Inkarnation in Russland nach einem Vierteljahrzehnt keine Anstalten, es zu übergeben. Dabei fallen zeitliche Differenzen kaum ins Gewicht. Dies wird durch einen Blick auf den geographischen Bereich verstärkt. Hinter den fremdartig gezogenen Ostgrenzen der Weimarer Republik befand sich zum Beispiel nichts, dass sich mit der Unendlichkeit der ostrussischen Weiten gleichsetzen ließe. Eine Vielzahl der Abläufe sowie auch Bewusstwerdungs- und Implementationsprozesse in Russlands eurasischem Großraum nimmt durchaus mehr Zeit in Anspruch als in den Staaten "Kleineuropas", einschließlich Deutschland.

Doch wurden von der Weimarer Republik keinen Krieg vom Zaun gebrochen. Daher bezog sich die Weimar-Russland-These auf den Zeitraum von Mitte der neunziger Jahre bis 2014. Im Rahmen der erweiterten These eines Washingtons Weimar an der Wolga erscheint wie eine der bedeutungsvollen Fragen, welche Führungskraft im zweiten Vierteljahr dieses Jahrhundert das Erbe Putins antreten wird. Bevor es hierzu kommt, könnte sich der langjährig amtierende Präsident zu einem Herrscher diktatorischen Stils entwickeln. In dem Fall würde es möglich sein, seine jahrzehntelange Herrschaft als Parallele zu den zusammengelegten Epochen von Hindenburg und dessen kriegstüchtigem Nachfolger zu verhandeln.

Fazit: Sowohl im Westen als auch im Osten weisen die derzeitigen Geschehnisse und Entwicklungen unvermindert starke Parallelen zur Geschichte von Weimar/Versailles auf.(11)  Allerdings wird es zu Kriegszeiten noch weniger als zuvor gelingen, das Bild eines zweiten Versailles (1919–1939) über den akademischen Bereich hinaus salonfähig zu machen und die politisch brauchbare Vorwarnung bzw. Alarmbereitschaft wirkmächtig zu erneuern. Im Kontext des nuklearen Zeitalters scheint dies unvergleichbar dringlicher. Es gilt, weitere Eskalationen um jeden Preis zu verhindern.


Peter de Bourgraaf


Fußnoten

1.  Ulrich Herrmann, Der deutsche Makel ⎼ Der Vertrag von Versailles und die Folgen, SWR, 6. Februar 2019, S. 2 und 7.

2.  Weimarer Republik e.V.

3.  Stephen E. Hanson und Jeffrey S. Kopstein, The Weimar/Russia Comparison, in: Post-Soviet Affairs 13, 3 (1997), S. 252–283.

4.  Die US-Amerikaner George Kennan und Henry Kissingen bewerten die NATO-Osterweiterung im gleichen Tonfall als eine „Katastrophe.“ Robert Skidelsky, Britain's insistence on total Ukrainian victory was misguided – it's time for a realistic compromise, in: The Guardian, 25. Februar 2025.

5.  Jost Dülffer, Rezension zu: Rödder, Andreas, Der verlorene Frieden. Vom Fall der Mauer zum neuen Ost-West-Konflikt, München 2024.

6.  Gabriele Metzler, Zwischen Kolonialrevisionismus und Mandatspolitik. Das Auswärtige Amt und die koloniale Frage in der Weimarer Republik, in: Carlos Alberto Haas, Lars Kehmann, Brigitte Reinwald, David Simo (Hrsg.), Das Auswärtige Amt und die Kolonien. Geschichte. Erinnerung. Erbe, München 2024, S. 245-277, hier 247.

7.  Weimarer Republik e.V., Übersicht des angeblichen Dutzends Reichskanzler.

8. Stephen E. Hanson und Jeffrey Kopstein, The Weimar/Russia comparison revisited, in: Russian Politics 8, 4 (2023), S. 419–439.

9. Glenn Diesen, NATO Expansionism and the Collapse of Pan-European Security, Substack, 3. Februar 2025. 

10. Katharina Bluhm, Russland und der Westen. Ideologie, Ökonomie und Politik seit dem Ende der Sowjetunion, Berlin 2023, S. 164; St. Petersburger will Diktatur. Pinochet als Vorbild, in: Neues Deutschland, 31.12.1993.

11. Während der Kampagne um die Präsidentschaft 1997 verglich der Kandidat Gennadi Sjuganow das Russland-NATO-Abkommen mit dem Abkommen von Versailles, das den Ersten Weltkrieg beendete und dem geschlagenen Deutschland erniedrigende Bedingungen aufzwang. Bluhm, Russland und der Westen, S. 105.


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